30.9.2021

Danke, Medard Kehl


Lieber Medard,

seit Du am 23.9.21 von uns gegangen bist, sind einige Nachrufe erschienen, und es werden bestimmt noch viele Worte gesprochen. In mir klingt zweierlei nach: Trauer – und sehr viel Dank. Dank für jede unserer Begegnungen – und für all das, was wir von Dir gelernt haben.

Sentire cum Ecclesia

Den Begriff »Communio-Theologie« und dass Kirche wesentlich Gemeinschaft ist, werden viele (gerade auch jene, die bei Dir Theologie studiert haben) mit Dir verbinden. Dabei ist es dieser Tage gar nicht so einfach, vom Geist der Communio in unserer Kirche zu sprechen und ihn zu entdecken.

Wenn ich in letzter Zeit darauf angesprochen wurde, wie ich denn mit all den Diskrepanzen zwischen Anspruch und Wirklichkeit leben kann, fiel mir oft das Bild der Familie ein. Da mag es Familienmitglieder geben, die etwas sagen oder tun, was ich nicht gut finde. Aber sie gehören trotzdem zu meiner Familie. Ich kann Einzelnes ablehnen und als falsch ansehen und will trotzdem weiterhin zur Gemeinschaft stehen: zur Familie wie zur Kirche.

Heute im Rückblick auf all die Gründe, Dank zu sagen, fällt mir auf, wie sehr mich offensichtlich geprägt hat, was Du uns über das Ignatianische »Sentire cum Ecclesia« (das »Fühlen mit der Kirche«) beigebracht hast.

Heute übersetzt man es [...] mit »kritischer Loyalität« zur Kirche. [...] Das heißt, wenn wir von der Kirche sprechen, ist es [...] die Teilnehmerperspektive, das »Ich gehöre dazu«, und nicht die Beobachterperspektive.

Diese sollten wir aber gelegentlich auch einnehmen, um etwas Abstand zu gewinnen und nicht blinder Parteigänger zu sein.
Medard Kehl, Quelle: https://jesuitwerden.org/medard-kehl-sentire-cum-ecclesia/


Dann kommt es zu einer Einstellung, wie ich sie oben auf Familienmitglieder bezog: Es gibt vieles, zu dem ich nicht Ja sagen kann und möchte. Aber dann gilt es, »auch mit der sündigen Kirche zu fühlen«:

Es scheint mir wichtig, auch da mitzufühlen, weil wir ja auch daran teilhaben und selbst auch Teil der sündigen Kirche sind.

»In Loyalität« heißt dann aber nicht, der Wahrheit, auch der schlimmen Wahrheit, aus dem Weg zu gehen. Ich denke, das ist eines der wichtigsten Dinge, die die katholische Kirche lernen muss: wirklich ein ungebrochenes Verhältnis zur Wahrhaftigkeit zu entwickeln und nicht so hohe moralische Anforderungen an ihr »Personal« zu stellen, dass es fast notwendig den Raum für Heuchelei und Heimlichkeiten öffnet. Ich denke mir, wenn da ein Umdenken erfolgt, dann ändert sich vieles.

Aber es ist in allem meine Kirche, ich gehöre dazu. Da kann ich mich ärgern drüber, da kann ich drüber schimpfen und alles. Aber ich stehe dazu und kämpfe für die Wahrheit.
Medard Kehl, Quelle: https://jesuitwerden.org/medard-kehl-sentire-cum-ecclesia/


Dialog? – Nicht verzagen

Am 19.06.2011 fand in Sankt Georgen in Frankfurt/M. das alljährliche Sommerfest statt. Unter anderem war dort von Dir ein Impuls zu hören, aus dem mich ein Gedanke ganz besonders angesprochen hat. Er antwortet auf die häufig wiederkehrende Sorge, es höre (z.B. bei der damals aktuellen sogenannten »Dialoginitiative«) ja doch keiner zu, man könne eh nichts ausrichten.

Vielleicht könnte es schon helfen, wenn nur wir einmal »laut zuhörten«:

Ein Dialog ist auch dann gut und sinnvoll, wenn er nicht rein ergebnisorientiert ist. Einander zuzuhören, zumal denen, die sich auf vielfache Weise von der Kirche verletzt oder im Stich gelassen fühlen, sich Zeit zu nehmen, die verschiedenen Argumente zu hören und abzuwägen, den Wahrheitskern beim anderen heraushören zu wollen – das nimmt schon einiges an Aggressivität, an Polemik aus der kirchlichen Umgangssprache zwischen den verschiedenen Richtungen heraus.
Medard Kehl, Quelle: http://www.vom-lektorat-zum-buch.de/blog/nicht_verzagen.php


Begleiter im Gebet und in der Begegnung

Ich hatte die Ehre, viele Jahre nicht nur als Studentin der Theologie von Dir lernen zu dürfen, sondern später auch an einem gemeinsamen Projekt mitzuarbeiten – dem Buch über die Schöpfungstheologie. Und danach konnte ich bei vielen weiteren Projekten, Vorträgen, Veröffentlichungen helfen.

Allerdings habe ich in meinem Leben erfahren, dass es etwas anderes ist, sich über Schöpfungstheologie und über die Frage »Was kommt nach dem Tod?« theologisch Gedanken zu machen, als existentiell damit beschäftigt zu sein. Etwa anlässlich des Todes geliebter Menschen. Zwei Begebenheiten mit Dir haben mich da besonders beeindruckt:

Als ich nach dem Tod meines Vaters einige Zeit besonders mit Glaubenszweifeln zu kämpfen hatte, lag ich meinen Freunden und Georg, meinem Mann, mit den immer gleichen Fragen in den Ohren: Wie können wir glauben, dass es ein Leben nach dem Tod gibt? Was darf ich begründet hoffen? Worauf genau stützt sich unsere Hoffnung? Was unterscheidet sie von einer Phantasie? Werden wir einander eines Tages (in welcher Weise auch immer) wieder begegnen?

Zum Glück habe ich nie die Antwort erhalten: »Das musst du doch selber sagen können. Wozu hast du so lange Theologie studiert?« Auch und gerade als Theologin ist man gegen Zweifel im Glauben nicht immun. Wahrscheinlich ist das sogar gut so.

Damals habe ich das erfahren, was Du »Huckepack im Glauben« genannt hast. Wenn einer aus der Gemeinschaft der Glaubenden einmal schwach wird hinsichtlich des Glaubens, ist es ein Geschenk, wenn andere da sind, die einen stützen und stärken können:

Die Möglichkeit, einen anderen Menschen gleichsam »Huckepack im Glauben« zu nehmen, das bedeutet:

Jemanden, »dem es in einer bestimmten Situation schwerfällt zu glauben, in die eigene Zuversicht hineinzunehmen und ihn so durch diese Situation hindurch zu tragen«.
Medard Kehl, Quelle: Der Ausdruck geht wohl auf H. Thielicke zurück; vgl. Und Gott sah, dass es gut war, 1. Auflage, 2005, S. 92.


Genau das wurde mir geschenkt. In Zeiten, in denen zu glauben mir selbst schwerfiel, wurde ich mitgetragen. Nach einiger Zeit war in mir die Hoffnung wieder gewachsen. Der Glaube hatte sich nach dieser Krise zwar verändert, wurde aber wieder lebendig. Er war gereift und gewachsen. Dank der Geduld und tatkräftigen Anstrengung des »Huckepacknehmens«.

Ehre geben und Bescheidenheit

Doch besonderen Eindruck hinterlassen hat (nicht nur bei mir!) ein Erlebnis anlässlich der Beerdigung meiner Mutter im Jahr 2019. Die Beerdigung in Oberursel stand unter der Leitung der dortigen Pastoralreferentin. Schon dass Dir die für Dich beschwerliche Anreise nicht zu weit war und Du als Gläubiger, nicht in der Funktion als Priester, mit uns daran teilgenommen hast, hat mir und uns viel Trost geschenkt.

Die Beerdigung fand mitten in der Woche zur Schulzeit statt. Es gab also keine Messdiener. Da warst Du bereit, diesen Dienst zu tun und der Pastoralreferentin am Grab mit dem Weihrauchfass zur Seite zu stehen.

Nach der Beerdigung haben mich viele angesprochen, sie hätten schon lange nicht mehr so ein beeindruckendes Zeichen gesehen. Mitzuerleben, wie Du als Priester Dich ebenso wie wir als glaubender Mitchrist verstehst und dass Du sogar bereit bist, sichtbar Dienender zu sein, das gab und gibt Hoffnung und Mut im Blick auf unsere Kirche.

Ars moriendi

Am Ende will ich Dir selbst das Wort geben:

Ich komme zum Schluss: Sowohl in der Philosophie des abendländischen Kulturraums als auch in der Tradition des jüdisch-christlichen Glaubens gehört zu einer guten »ars vivendi«, also der Lebenskunst, untrennbar – wie die Kehrseite einer Medaille – auch die »ars moriendi«, die Kunst des Sterbens.

Diese doppelt-eine Kunst vereint in sich (in ihrer Idealform)
sowohl die dankbare Freude am Leben auf dieser Erde,
das Genießen-Können der guten Gaben des Schöpfers,

als auch das gelassene Annehmen der Endlichkeit dieses Lebens,
das Lassen-Können dieser guten Gaben,
um sie jederzeit dem Schöpfer zurückgeben zu können.

Beides lebt von der starken Hoffnung auf das endgültige Aufgehobensein unserer selbst und all dessen, was dem Reich Gottes gemäß von uns auf dieser Erde getan und erlitten wurde.

Grund genug, auf die Karte dieser Hoffnung zu setzen!"
Medard Kehl, Quelle: Glaube und Vernunft. Anmerkungen eines Theologen zur christlichen Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Referat beim Symposion der Stiftung Sankt Georgen „Seele oder Hirn?“ am 15.4.2011 in Sankt Georgen

So will auch ich auf diese Hoffnung setzen.
Deine Bärbel

Zum Weiterlesen

Weitere Texte von Pater Kehl finden sich auf seiner Homepage.












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