Barbara Honolds Theologie-Blog

30.5.2010

Im Rückblick danke sagen

Vorhin erreichte mich per Mail folgende Nachricht:

In wenigen Tagen ist es ein Jahr her, dass der liebe "don Roberto" uns für immer verlassen hat. Mein Schmerz ist noch lange nicht vorbei, aber ganz langsam kann ich damit umgehen. Das Füllhorn der schönen Erinnerungen ist für mich randvoll und ich kann daraus schöpfen, Tag für Tag.

So gibt es bestimmt viele, die dieser Tage zurückblicken. Die Bilder von Pfarrer Ballwegs Grab, die mir Ingrid Tichy vor ein paar Tagen sandte, sprechen auch eine eigene Sprache: von Erinnerung, Dankbarkeit und immer noch bleibt da ein Staunen, ein Nicht-Fassen-Können.

Anlass, kurz innezuhalten und Rückschau zu halten. Alte Bilder fielen mir dieser Tage wieder in die Hand und der Hinweis auf ein Lied, das er gern gemocht hat:

Ich kann es fast nicht glauben,
wie schnell die Zeit vergeht.
Die Jahre zieh’n vorüber wie der Wind.

Auf jeder meiner Reisen hab ich es gespürt,
ihr steht zu mir, wohin mein Weg auch führt.

So viele schöne Bilder.
Ich schaue gern zurück.
Ich reiste viel und sah die ganze Welt.
Dass ihr mir immer treu wart,
dass ist mein größtes Glück.
Das ist es auch, was heute für mich zählt.

Dankeschön, für all die vielen Jahre.
Ihr wart immer für mich da.
Dankeschön, will ich euch heute sagen.
Meine Freunde, wo wär ich ohne euch?

Die Melodie dieses Liedes von Roger Whittaker (zu dem ich bestimmt nie einen Zugang gefunden hätte, wäre es nicht so verknüpft mit dem 30.5.2009 und würde der Text nicht dermaßen gut passen), geht mir dieser Tage oft im Kopf herum.

Auch meinen alten Blog-Eintrag habe ich nochmals angeschaut. Vor einem Jahr schrieb ich:

Zusammenkommen

Beeindruckt hat mich besonders die Predigt, die Pfarrer Ballweg gerade vor einer Woche, zum 7. Sonntag der Osterzeit, gehalten hat. Heute haben wir sie noch einmal gehört. Thema war ausgerechnet das Abschiednehmen! Es ging zunächst (im Evangelium) um die Abschiedszeit, die Jesu Jünger in den neun Tagen zwischen Himmelfahrt und Pfingsten erleben: ...

"Die Jünger haben Glück: Sie sind nicht allein. Sie haben so was wie eine richtige Familie. Sie halten zusammen und passen aufeinander auf. Nichts Schlimmeres, als wenn man seinen Abschied allein bewältigen muss. Familie dagegen ist gut. Freunde zu haben in schweren Zeiten ist sehr gut. Wo man sich erzählen kann. Sich ausheulen kann. Einander halten und sich Ratschläge geben kann."

Ich glaube, das war ihm wirklich besonders wichtig: Dass Gemeinde ein Ort sein soll, wo man "gute Freunde" findet, dass hier "niemand allein" bleiben muss. Den Text dieses Schlagers, der so gern und oft zu Festen mit ihm erklungen ist, den hat er, denke ich, sehr ernst gemeint: dass wirklich gute Freunde niemand trennen kann und dass man mit echten Freunden nie allein ist.

Dass seine letzte Predigt ausgerechnet vom Abschiednehmen gehandelt hat, hat schon sehr berührt. Aber auch die Botschaft, von der ich meinte, dass ich sie als seine Bitte an uns herauslesen konnte: 

Ein Schritt nach vorne

"Die Jünger wussten gar nicht, was auf sie zukommen würde ... Wie geht es nun weiter? Es heißt: Sie haben zusammen gebetet, ziemlich viel sogar in dieser Zeit. Beten ist ein Schritt nach vorne, ein Stück Mut, auch wenn vor uns Nacht und Nebel ist."

Das Gebet also. Beten ist ein Schritt nach vorne. Das Gebet für ihn, das Gebet des Danks, das Gebet für die, die um ihn trauern, also auch irgendwie für uns. Beten ist ein Schritt nach vorne.

Raum der Trauer

"Das Neue kommt nicht gleich: Logisch, je größer die alte Lücke, desto länger braucht's, bis doch wieder etwas hineinwachsen kann. Neun Tage hat's gedauert. Das ist sogar noch relativ schnell. Eine richtige Trauer geht mindestens ein Jahr, sagt man. Man muss sie leben und gestalten mit besonderen Zeichen: Was ist mir wichtig?"

Dieses eine Jahr ist jetzt um - und ich muss sagen: Vieles von dem ist so geworden, wie es hier steht. Es gab diesen Raum, miteinander zu trauern; es gab und gibt Freundschaft und neues Zusammenkommen: Ja, viel Neues hat begonnen - und in der Tat sind wir zusammen sehr oft mit der Frage konfrontiert: Was ist uns wichtig?

Pfingsten dieses Jahr

Die Predigt, die wir dieses Jahr an Pringsten (in Sankt Hedwig von Pfarrer Schmidt) gehört haben, hat das auch auf den Punkt gebracht. Lange haben wir später noch darüber nachgedacht und gesprochen: Wenn die Jünger hinter verschlossenen Türen geblieben wären, darauf geachtet hätten, dass möglichst alles so bleibt, wie es war (und vor allem: bloß keine Fremden!) - dann wäre von der Sache Jesu heute nicht mehr viel zu hören. Es ist nicht immer der Heilige Geist, der uns sagen lässt: bloß nichts ändern, bloß nicht die Ruhe stören.

Das gab mir zu denken. (Mir fielen einige Beispiele ein, wo ich es mir gern lieber bequem einrichte, statt mich auf Neues einzulassen und die Geister zu unterscheiden.) Dass es aber auch viel an Bereitschaft gibt, aufeinander zuzugehen, das habe ich gerade in diesem vergangenen Jahr in unserer Gemeinde erfahren.

Hinausgehen

So wie vor einem Jahr will ich auch jetzt noch einmal das Ende der letzten Don-Roberto-Predigt nachklingen lassen - nun im Rückblick betrachtend:

Dann geschah's: Davon hören wir an Pfingsten; es kommt tatsächlich was ganz Neues. Nicht mehr Jesus ist da, aber sie werden ganz von seinem Geist und seinen Gaben erfüllt. Sie leben selbst, was Jesus ihnen zeigte. Sie müssen raus, unter die Leute. Irgendwann ist die Trauer vorbei und man muss auch wieder unter die Leute gehen. Das Entscheidende ist: In unserem Leben gibt es nach jedem Abschied wieder Neues, Schönes, Lebenswertes. Aber es braucht Geduld, Mut, viel Reden, Suchen und Hinausgehen. Solche Erfahrungen wünsche ich uns allen. AMEN.


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