Barbara Honolds Theologie-Blog

30.08.2009

Peter Knauer - Handlungsnetze

Im Lateinischen gibt es die Redewendung "salvo meliore", vorbehaltlich einer besseren Einsicht. Oder "salvo errore et omissione", Irrtum und Auslassungen vorbehalten. Daran werde ich zuweilen erinnert, wenn ich meine, schnell etwas beurteilen zu müssen.

Alle ethische Einsicht geht letzten Endes auf "trial and error" zurück. Nur aus Schaden wird man klug; zugleich aber scheint die Geschichte fast nichts anderes zu lehren, als dass man immer wieder die Mühe scheut, aus ihr tatsächlich zu lernen.

So formuliert es Peter Knauer in seinem sehr lesenwerten Buch "Handlungsnetze". Zuweilen hält man an etwas fest und meint, es sei selbstverständlich, was einer genaueren Prüfung nicht standhalten würde. Wie lange hat man etwa körperliche Züchtigung von Kindern als zulässig angesehen. In anderen Punkten bleibt eine erstaunliche ethische Blindheit weiterbestehen, etwa in Bezug auf die Auswirkungen mancher finanziellen Spekulation.

Das Buch "Handlungsnetze" von Peter Knauer ist übrigens sehr zu empfehlen. Hier setzt er sich unter anderem mit der Frage auseinander, was man heute unter Handlungen verstehen soll, die von vornherein »in sich schlecht« sind. Nur solche Handlungen kommen dafür in Frage, die mit einem Schaden verbunden sind. Doch nur wenn ihr Grund kein »entsprechender« ist, sind sie tatsächlich »in sich schlecht«. Was soll man sich darunter vorstellen?

Eigentlich sind es Handlungen, die ihrem Grund nicht auf die Dauer und im Ganzen entsprechen; sie haben vielmehr die objektive Struktur von Raubbau. Sie untergrabenuniversal gesehen gerade den Wert oder Werteverbund, den man in ihnen anstrebt, oder vermehren den Schaden oder Verbund von Schäden, den man vermeiden will.


Glaube und Ethik

In welchem Verhältnis stehen christlicher Glaube und Ethik zueinander? Der gesamte christliche Glaube lässt sich nach Peter Knauer in folgender Kurzformel zusammenfassen:
An Jesus als den Sohn Gottes glauben bedeutet: aufgrund seines Wortes sich und die ganze Welt in die ewige Liebe Gottes zu Gott, des Vaters zum Sohn, aufgenommen zu wissen, die der Heilige Geist ist.

Der Glaube bringt keine zusätzlichen ethischen Forderungen mit sich, sondern er befreit aus der Macht jener Angst des Menschen um sich selbst (vgl. Hebr 2,15), die sonst Wurzel aller Unmenschlichkeit und damit alles Bösen ist.

Richtig handeln kann man natürlich auch ohne Glauben.

Wenn jemand im Selbstbedienungsladen nicht stiehlt, sondern die Ware ordnungsgemäß bezahlt, weil er Angst hat, sonst erwischt zu werden, hat er nichts Böses getan, sondern ethisch richtig gehandelt. Aber zur ethischen Gutheit gehört mehr, nämlich dass man nicht nur faktisch, sondern prinzipiell ethisch richtig handeln würde. Und dazu ist es notwendig, nicht aus der Angst um sich selbst, sondern aus einem letzten Vertrauen zu leben.

Es kann sich dabei auch um so genannten »anonymen« Glauben handeln, der vielleicht weder den Namen Jesu kennt noch überhaupt von Gott richtig zu sprechen vermag. Knauer geht aber davon aus: Wenn jemand liebevoll lebt und der christlichen Botschaft in klarer Form begegnete, würde er rückschauend erkennen, dass er längst aus dem Geist Jesu gelebt hat, auch wenn er es noch nicht wusste.

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